JETZT  Tagebuch

10.04.20

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Kurzausflug zu meinem Baum

Es gibt einen Baum hier in der Nähe, den ich oft besuche, der viel von mir weiß 

und zu ihm bin ich vor zwei Tagen gegangen. Als ich mich an ihn lehnte, kam 

plötzlich ein Gedanke:

Was wäre, wenn ich wäre wie ein Baum, der auf der Stelle steht?

Ich müsste mich arrangieren, was vor Ort ist und mir hier und jetzt zur Verfügung 

steht. Vielleicht würde ich die Möglichkeiten viel intensiver ausschöpfen, statt in 

einer grenzenlos erscheinenden Welt nach Interessanterem zu suchen und ich 

würde vieles Nahe liegende nicht unbedeutend machen, weil ich es übersehe.

Vielleicht wäre ich auch behutsamer, weil sich die Folgen von Handlungen nicht 

ins Unendliche verflüchtigen, sondern sie direkt und unmittelbar wahrnehmbar 

wären.

Ich würde die Unendlichkeit nicht irgendwo außerhalb von mir suchen, sondern 

mehr die Fülle des Augenblicks erspüren. Vielleicht dehnt sich die Unendlichkeit 

nicht in Raum und Zeit aus, sondern in die Möglichkeiten hinein, die wir hier und 

jetzt vor Ort haben.

Geht es uns nicht gerade so? Bei uns bleiben, da wo wir sind?

Ein Umherschweifen ist nicht möglich. Ich bin mir selbst ausgeliefert, komme mir 


nicht aus und ich merke, es tut mir gut. Mich in mir zu verorten, mich zu 

beheimaten und mich auch so zu spüren. Ich fühle dadurch eine neue Öffnung – 

eine Öffnung zu etwas Größerem.                                                                                                                                                                                                                                                                    Diese Ruhe und Stille zur Zeit schafft eine neue  Präsenz in mir.


Vielleicht denkt der Baum, den ich betrachtet habe: Was wäre, wenn ich wäre wie

ein Mensch, der von Ort zu Ort gehen kann und sich nicht mit dem Gegebenen 

arrangieren muss, mit den Möglichkeiten vor Ort ...

Aber, vielleicht denkt er das auch nicht. 
Ich sage DANKE an meinen Baum.

Ulla Röber



06.04.20

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Die Zeit des Händeschüttelns ist vorbei 

Mal Hand aufs Herz! 

Es könnte Krieg sein und 

du wüsstest nicht mehr, 

wem vertrauen, wie dich verstecken, 

woher Gefahr droht, 

wann die Bomben einschlagen. 

Erinnere dich! So ergeht es in Syrien 

heute und seit 7 Jahren 

tausenden von Menschen, 

die genauso alt sind wie du. 

Fang gar nicht an ungeduldig zu werden 

 oder zu zetern! 

Auf den Coronavirus 

kann man nicht mit Kanonen schießen. 

Um mit ihm Frieden zu schließen 

müssen wir uns rund um den Erdball 

verbrüdern und verschwestern. 

Mein Herz, dein Herz. 

Hand aufs Herz. 

Die Zeit des Händeschüttelns ist vorbei! 
Margarete Rödter



02.04.20

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Gleichzeitigkeit. 

Alles ist da. 

Da ist Freude an der gewonnenen Zeit, die mir Rückzug erlaubt, die mich Aufarbeiten lässt, die mein ZuhauseSein - Bedürfnis stillt, 

Da ist Unsicherheit und Wut darüber, dass meine Grundrechte beschnitten werden und ich keine Garantie habe, ob die angeordneten Maßnahmen im Verhältnis zum Virus stehen. Wut darüber, dass der Informationsfluss gedeckelt ist und meine Mündigkeit dadurch in Frage gestellt wird. 

Da ist tiefer Schmerz, wenn ich auf die Länder schaue, die bei weitem nicht so privilegiert sind wie wir, deren Gesundheitssysteme Lichtjahre von dem unseren entfernt sind, die eh schon seit Jahren in Kriegen und Hungersnot leben. Menschen auf der Flucht, die momentan völlig vergessen werden. 

Da sind auch Sorgen um kranke und ältere Familienmitglieder und Freunde, die einsam sind. 

Da ist Aggression, gegenüber denen, die meinen sie wüssten was jetzt das Richtige für alle ist. 

Da ist Angst, wenn ich an die Macht des Kapitalismus denke, ungläubig dass sich daran was ändern wird. Niedergeschlagenheit, da ich weiß, dass ich Teil davon bin. 

Da ist ganz viel Mitgefühl den Menschen gegenüber, die das System am Laufen halten, den Krisenstäben, die sich überall eingefunden haben, die an weit an ihre persönlichen Grenzen kommen. 

Den Menschen gegenüber die ihre Liebsten durch den Virus verlieren.

Das ist ein tiefes berührt sein, von der Erfahrung der Solidarität.

Es ist ALLES in jedem Moment gegenwärtig jetzt und heute, was Morgen ist weiß ich nicht, niemand hat es je gewusst. 

Ich spüre denke atme jetzt .

Meine Vision für die Zukunft ist mehr Leben im Jetzt leben und Raum für die Gleichzeitigkeit. Gleichzeitigkeit braucht keine Grenzen.

Margit Kreuzer



31.03.20

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der andere Ort


der andere Ort 

bringt mich weg 

es ist der absolute Ort

der reine Ort

doch das andere Sein 

trifft es nicht


der andere Ort 

ist der Platz 

den ich brauche

wenn ich ihn äußerlich nicht habe

ihn innerlich nicht spüre

der mir abhanden gekommen ist

in dieser Stille

die die meine ist


der andere Ort

bringt mir meine Sprache zurück

ohne Hintergründe

untergründig

zum Menschsein

zum hier sein


ich sehe das Aufblühen

wie Knospen vor blauem Himmel explodieren

ich sehe zu

ich schaue und werde das Öffnen


ich bin 

der andere Ort

meist verborgen

komme ich jetzt zum Vorschein


Ines Tartler

März 2020